^Back To Top
foto1 foto2 foto3 foto4 foto5 foto6 foto7 foto8 foto9 foto10

hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Tango der Lust – erotische Kurzgeschichten - Taschenbuch

Gerechte Strafe

Leseprobe der Kurzgeschichte aus »Tango der Lust«

Das Preisetikett baumelte seitlich herab, mit einem pieksenden Plastikbinder befestigt. Da fiel Andrea etwas auf, was ihr anschließendes Handeln entscheidend beeinflusste: Der Plastikchip, den jedes Kleidungsstück als Diebstahlsicherung trägt, fehlte.
Andrea merkte, wie ihr die Hitze ins Gesicht emporstieg. Die Korsage war nicht gesichert. Wenn sie ihre Kleider darüber anzog, würde niemand bemerken, dass sie … Andrea kam gar nicht mehr zum Denken. Alle ihre Gedanken kreisten nur noch um dieses einzigartige Stück. Erregung fasste sie und ihre Handflächen waren schweißnasss.
Hastig zog sie ihre Sachen über. Bevor sie die Kabine verließ, musterte sie sich ein letztes Mal. Einwandfrei. Niemand würde sehen, was sie unter Bluse und Hose trug. Es war ja so einfach. Erhobenen Hauptes ging sie hinaus und zuckte zusammen, als eine Verkäuferin auf sie zukam und die Hand nach dem blauen Set ausstreckte. «Möchten Sie das nehmen?»
«Äh, nein, danke. Es ist doch nicht das Richtige für mich», erwiderte Andrea und zwang sich zu lächeln.
Die Verkäuferin schöpfte keinen Verdacht. Sie nahm das blaue Set entgegen, um es wieder an der richtigen Stelle aufzuhängen, und Andrea nahm den Weg Richtung Rolltreppe. Sie bemühte sich, ohne Hast zu gehen, streifte mit einer lässigen Handbewegung den Ärmel eines Kleides, prüfte kurz die Strings, die auf einem Tisch dekoriert waren und mit einem Preisnachlass warben.
Kurz bevor sie die Rolltreppe erreichte, hielt sie jemand von hinten fest und legte seinen Arm um ihre Taille.
«An Ihrer Stelle würde ich jetzt kein Aufsehen erregen», raunte eine Männerstimme ganz nah an ihrem Ohr. «Hausdetektiv. Kommen Sie mit.»
Er nahm sie am Oberarm und zog sie mit sich fort. Andrea war starr vor Schreck. Sie wagte kaum zu atmen, geschweige denn den Kopf zu drehen und den Mann anzusehen. Nun war es also passiert, was sie befürchtet hatte, wenn sie mal da oder dort einen Lippenstift oder andere kleine Kosmetikartikel in ihrer Jackentasche hatte verschwinden lassen. Nicht nur um das Geld zu sparen, sondern auch wegen des Kicks, sich dabei nicht erwischen zu lassen. Aber das heute war natürlich ein ganz anderes Kaliber.
Fieberhaft überlegte sie, wann und wie sie sich auffällig benommen hatte. Aber es fiel ihr nicht ein. Vielleicht hatte er ja beobachtet, wie sie mit der Korsage in die Kabine gegangen, jedoch ohne herausgekommen war. Ja, so musste es wohl gewesen sein. So ein Mist. Und nun?
Andrea sog die Luft ein. Leder. Der Geruch von Leder stieg in ihre Nase. Fantastisch.
Bevor der Detektiv sie resolut in sein Zimmer schob, erhaschte sie gerade noch einen Blick auf das Türschild. Eugen Lohmeier, Hausdetektiv. Erst jetzt gab der Mann ihren Arm frei und deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Andrea setzte sich. Er selbst lehnte sich mit dem Po an die Tischkante und musterte sie ungeniert von oben bis unten.
Aufgrund der resoluten Stimme und des eher altmodischen Vornamens hätte Andrea erwartet, jetzt in das Gesicht eines Mannes jenseits der fünfzig zu schauen. Stattdessen musste sie feststellen, dass er allenfalls dreißig war, nur wenig größer als sie, muskulös, mit ausgefransten Jeans und einer Lederjacke bekleidet. Die blonden Haare kurz geschnitten, dazu ein schmales Kinnbärtchen. Trotz ihrer misslichen Lage musste sie sich eingestehen, dass er ihr gefiel. Vielleicht gelang es ihr ja, ihn um den Finger zu wickeln.

 

© Sira Rabe